Es war Fashion Week in Berlin. Und in der Modebranche ist gendermäßig irgendwie alles ein bisschen anders: Sie verkörpert sozusagen den Trend, der nicht ins Bild passt. Männer dürfen nichts, Frauen alles. Echt jetzt?

In Europa stand Jahrhunderte lang der Mann im Mittelpunkt, auch in der Mode. Durch Kleidung wurde Einfluss, Rang und Männlichkeit ausgedrückt. Körperbetont, die Leggins gehörte klar zum Mann, man zeigt was man hat. (Bild 1.0)

Heute dreht sich bei den Fashion Shows der Welt alles um die Frau. Auch im so coolen Berlin bei der Neonyt, dem Ableger der Berlin Fashion Show, der sich um nachhaltige und faire Mode bemüht, überwiegt Frauenbekleidung. Die Frau als Zielkunde verspricht bessere Umsätze als der Mann. In allen denkbaren Varianten, Farbe, Formen gibt es Kollektionen zu bewundern.

Wiederkehrend wendet sich die High End Mode zwar dem Mann zu und versucht verzweifelt ihn aus dem Anzug heraus zu bekommen. Doch der Mann trägt ihn weiter standhaft. Es ist das männlichste Kleidungsstück schlechthin, Variationen eher selten: Der Anzug drückt Uniformität und Konformität aus und ist nicht weg zu denken. Er ist die Verkörperung des Kleidungscodexes des 20. Jahrhunderts. Er ist es, der die Männer als funktionales, also keine Rüschen bitte, als arbeitendes, also belastbare Stoffe bitte und als angepasstes Wesen erfolgreich kategorisierte. Und sie haben sich dem Diktat gefügt. Millionen von Männer. 

Die sogenannten Power-Frauen der 90ziger haben kurz mal versucht auf den ‚Anzug‘ aufzuspringen. Was ihnen Gott sei Dank nicht gelungen ist. In ihrer Palette fehlt ein Kleidungsstück mit der gesellschaftlichen Bedeutung des Anzugs völlig. Frauen haben bei ihrer Kleidungswahl 1000 Möglichkeiten. Sie sind sozusagen in der modische Milchstraße, Männer lediglich in einem sehr kleinen Sonnensystem.

Nein, natürlich stimmt das nicht ganz. Denn auch hier gab und gibt es Normen: Die Gender-Norm, die Öko-Norm, die Gesellschafts-Norm, die Preis-Norm, die traditionelle Norm usw. Wenn es um die Zuschaustellung des Körpers geht, haben Frauen nun ganz deutlich die Nase vorn und die Leggings klar für sich zurück reklamiert.

Kleidung kann u.a. genutzt werden, um sich politisch zu positionieren. Provakative Aufdrucke auf T-Shirts zeigen der Welt wo wir stehen.  Die Tiefe des Ausschnitts kann, muss aber nicht, das Recht auf körperliche Selbstbestimmung ausdrücken. Das Tragen einer teuren Marke kann das Bedürfnis nach Klassenzugehörigkeit wiederspiegeln. Es handelt sich, um das Narrativ, das wir auf unserem Körper tragen.

Oder ist es vielmehr so, dass der Mann – auch viele Jahrzehnte dominanter Arbeitnehmer- und geber in der Modeindustrie – die Kleidung der Frau entwirft, die er möchte, das Frau trägt? Sicherlich. Aber auch das hat sich verändert und hat im Übrigen absolut keine kulturelle Allgemeingültigkeit. So verschiedenartig sind Kostüme, Trachten, Kaftane, Kimonos, Saris die Frauen und Männer weltweit tragen und kaum den Gesetzen der westlichen Modeindustrie unterliegen.

Lanna Idriss

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